Roboter
Sebastian Hosbach · 26. Juni 2026
Die Lautstärke ist das am meisten unterschätzte Kaufkriterium bei Reinigungsrobotern – und gleichzeitig dasjenige, das über den halben Business Case entscheidet. Wer einen Roboter tagsüber bei Publikumsverkehr einsetzen will, muss vorher wissen, wie laut er wirklich ist. Dieser Vergleich ordnet die gängigen Modelle nach Dezibel ein, erklärt den rechtlichen Rahmen in Deutschland und liefert eine klare Entscheidungsmatrix nach Umgebung.
Jahrelang lief die professionelle Bodenreinigung nach Feierabend: Personal kommt, wenn das Gebäude leer ist, reinigt im Akkord, geht wieder. Mit autonomen Robotern verschiebt sich diese Logik. Der eigentliche Vorteil eines Reinigungsroboters liegt nicht darin, nachts dasselbe zu tun wie ein Mensch – sondern darin, tagsüber, im laufenden Betrieb, kontinuierlich sauber zu halten. Lobby morgens und mittags, Markt während der Öffnungszeiten, Klinikflur zwischen den Visiten.
Genau hier wird Lautstärke zum K.-o.-Kriterium. Ein Roboter, der im Großraumbüro klingt wie ein Haushaltsstaubsauger, ist tagsüber schlicht nicht einsetzbar – egal wie gut er reinigt. Dann bleibt nur die Nachtschicht, und damit fällt ein zentrales Verkaufsargument weg. Drei Entwicklungen verschärfen das:
Personalmangel. Wer Reinigungskräfte nicht für die Nacht findet, will den Roboter am Tag laufen lassen – sichtbar, parallel zum Team.
Sichtbarkeit als Feature. Im Hotel oder Einzelhandel ist der reinigende Roboter heute ein Hygiene- und Innovationssignal an Gäste. Das funktioniert nur, wenn er nicht stört.
Mischbetrieb. Roboter übernimmt die großen Flächen am Tag, der Mensch die Ecken und Details – das setzt voraus, dass der Roboter im besetzten Raum erträglich ist.
Lautstärke ist damit kein „Nice-to-have" auf dem Datenblatt, sondern die Bedingung dafür, dass das Tagbetrieb-Versprechen überhaupt eingelöst wird.
Bevor wir vergleichen, drei Dinge, die man über die dB-Skala wissen muss – sonst führen die Zahlen in die Irre:
Die Skala ist logarithmisch, nicht linear. Eine Erhöhung um etwa 10 dB wird subjektiv als doppelt so laut empfunden. 70 dB klingen also rund doppelt so laut wie 60 dB – nicht „ein bisschen lauter". Ein vermeintlich kleiner Zahlenunterschied auf dem Datenblatt ist in der Praxis ein großer Wahrnehmungsunterschied.
Schon +3 dB bedeuten eine Verdopplung der Schallenergie. Der Unterschied zwischen 67 und 70 dB ist hörbar relevant.
dB(A) ist die maßgebliche Größe. Die A-Bewertung gewichtet Frequenzen so, wie das menschliche Ohr sie wahrnimmt. Seriöse Angaben sind in dB(A).
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| Schalldruckpegel | Schalldruckpegel |
|---|---|
| 30 dB | Flüstern, sehr ruhiger Raum |
| 40 dB | ruhige Bibliothek |
| 50 dB | ruhiges Büro, leiser Regen |
| 60 dB | normales Gespräch |
| 65–70 dB | belebtes Großraumbüro |
| 70 dB | Haushaltsstaubsauger, lauter Fernseher |
| 80 dB | Hauptverkehrsstraße |
Merksatz fürs Tagesgeschäft: Alles unter rund 60 dB verschwindet im normalen Hintergrundgeräusch. Ab etwa 70 dB wird der Roboter zur eigenständigen Geräuschquelle, die Gespräche und Konzentration spürbar stört.
Lautstärke ist in Innenräumen nicht nur eine Komfortfrage, sondern auch eine Arbeitsschutzfrage. Maßgeblich ist die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.7 „Lärm". Sie schützt Beschäftigte vor sogenannten extra-auralen Lärmwirkungen (Stress, Konzentrationsverlust) unterhalb der Gehörschadensgrenze und legt je nach Tätigkeit maximal zulässige Beurteilungspegel fest:
Tätigkeitskategorie I – hohe Konzentration oder hohe Sprachverständlichkeit (z. B. Konstruktionsbüro, Leitstand, Besprechungsraum, wissenschaftliches Arbeiten): max. 55 dB(A).
Tätigkeitskategorie II – mittlere Konzentration (z. B. Sachbearbeitung, Werkstätten mit Kommunikationsanteil, Qualitätssicherung): max. 70 dB(A).
Tätigkeitskategorie III – geringe Konzentration (z. B. Lager, Versand, einfache Produktion): kein fester Grenzwert, aber „soweit wie möglich" zu reduzieren.
Drei wichtige Einordnungen, die in keiner Hersteller-Broschüre stehen:
Erstens: Die ASR A3.7 schützt Beschäftigte, nicht Gäste oder Kunden. Für die Hotellobby oder die Verkaufsfläche gibt es keinen gesetzlichen dB-Grenzwert – dort entscheidet das Gäste- und Markenerlebnis. Beide Perspektiven muss man getrennt bewerten.
Zweitens – und das ist der häufigste Denkfehler: Der Datenblatt-Wert eines Roboters ist nicht der Beurteilungspegel nach ASR. Der Beurteilungspegel ist ein über die Tätigkeit gemittelter Wert am Arbeitsplatz und berücksichtigt Abstand, Einwirkdauer und Raumakustik. Ein Roboter mit 70 dB auf dem Datenblatt erzeugt am Schreibtisch drei Meter entfernt deutlich weniger – und er ist mobil, also nicht dauerhaft an derselben Stelle. Die dB-Angabe taugt damit hervorragend zum relativen Vergleich zwischen Geräten, ersetzt aber keine standortbezogene Gefährdungsbeurteilung.
Drittens: Reinigung selbst fällt in der ASR meist unter Kategorie III. Kritisch wird es dann, wenn der Roboter in Räumen läuft, in denen andere konzentriert arbeiten – also der Roboter in einem Kategorie-I- oder -II-Raum unterwegs ist.
Faustregel daraus:
| Datenblatt-Wert | Tag-Einsatz im besetzten Raum |
|---|---|
| ≤ 55 dB | auch in Konzentrationsumgebungen (Büro, Kanzlei) meist unkritisch |
| ca. 55–70 dB | für Retail, Gastronomie, einfache Büro- und Mischtätigkeiten am Tag in der Regel vertretbar |
| ab ca. 70 dB | in konzentrations- oder gesprächsintensiven Räumen am Tag problematisch → Nacht- oder Randzeiten |
Die folgende Übersicht ordnet die im DACH-Markt relevanten Modelle nach Herstellerangabe. Wichtiger Hinweis vorab: dB-Werte verschiedener Hersteller sind nicht 1:1 vergleichbar. Messabstand, Betriebsmodus und Bewertungsverfahren variieren, und nicht jeder Hersteller misst nach derselben Norm. Die Tabelle ist eine belastbare Orientierung, kein Laborvergleich unter identischen Bedingungen.
Das Muster ist eindeutig: Reine Saugroboter sind am leisesten (rund 57–62 dB), All-in-One-Geräte liegen im Mittelfeld (etwa 65–70 dB), und kräftige Scheuersaugroboter sind am lautesten (70 dB und mehr). Wer einen schweren Industrie-Scheuersaugroboter für die Lagerhalle sucht, wird selten unter 70–75 dB landen – was dort aber meist unkritisch ist (Kategorie III).
Die Lautstärke folgt nicht dem Hersteller, sondern der Physik der Reinigung:
Saugen erzeugt Geräusch über das Gebläse – das lässt sich akustisch gut kapseln, daher die niedrigen Werte der Saugroboter.
Wischen / Mopping ist nahezu lautlos (kein Bürstenmotor, kein Saugbalken unter Last). Deshalb haben Multifunktionsgeräte oft einen leisen Wisch- oder „Silent"-Modus.
Schrubben / Scheuern ist die lauteste Disziplin: rotierender Bürstenmotor unter Anpressdruck plus Saugbalken zum Trocknen. Hier kommen die hohen Werte her.
Daraus folgt eine oft übersehene Erkenntnis: Ein und derselbe Roboter kann je nach Modus tagtauglich oder nur nachttauglich sein. Der Pudu CC1 etwa läuft im leisen Wischmodus deutlich unauffälliger als bei voller Saugleistung. Wer einen Multifunktionsroboter kauft, sollte daher nicht nach dem einen Datenblatt-Wert fragen, sondern nach dem dB-Wert pro Betriebsmodus.
Kernaussage: Je ruhiger und „menschlicher" die Umgebung, desto leiser muss der Roboter sein. In lauten Umgebungen (Verkehrsknoten, Industrie) ist Lautstärke fast nie das limitierende Kriterium – dort entscheiden Fläche, Geschwindigkeit und Trocknung.
Bevor Sie sich auf eine Datenblatt-Zahl verlassen, klären Sie im Gespräch mit dem Anbieter:
In welchem Betriebsmodus wurde der angegebene dB-Wert gemessen – im leisesten oder im typischen Arbeitsmodus?
In welchem Messabstand und nach welcher Norm wurde gemessen?
Gibt es separate dB-Werte je Reinigungsmodus (Saugen / Schrubben / Wischen)?
Verfügt das Gerät über einen dedizierten Leise- oder Nachtmodus – und wie viel leiser ist er konkret?
Wie verhält sich die Lautstärke auf unterschiedlichen Böden (Fliese vs. Teppich vs. Beton)?
Können Sie eine Demo im realen Einsatzraum zur Tageszeit anbieten, zu der wir den Roboter tatsächlich laufen lassen wollen?
Die ehrlichste Antwort liefert kein Datenblatt, sondern die Demo vor Ort – idealerweise in der konkreten Umgebung, zur konkreten Uhrzeit.
Lautstärke ist beim Reinigungsroboter kein Komfortdetail, sondern die Variable, die über Tag- oder Nachteinsatz und damit über den halben Nutzen entscheidet. Drei Take-aways:
Die dB-Skala ist logarithmisch – 10 dB Unterschied bedeuten gefühlt doppelte Lautstärke. Kleine Zahlen, große Wirkung.
Das Funktionsprinzip bestimmt den Pegel: Saugen und Wischen sind leise, Schrubben ist laut. Bei Multifunktionsgeräten zählt der Wert pro Modus.
Datenblatt ≠ Rechtslage: Der angegebene Pegel taugt zum Vergleich, nicht als Beurteilungspegel nach ASR A3.7. Für besetzte Konzentrationsräume gilt 55 dB(A), für einfache Tätigkeiten 70 dB(A) – die tatsächliche Belastung hängt aber von Abstand, Dauer und Raum ab.
Wer tagsüber im besetzten Raum reinigen will, wählt im Zweifel das leisere Gerät – oder einen Roboter mit echtem Leisemodus. Welches Modell für Ihre Flächen und Ihre Tageszeiten passt, lässt sich am besten herstellerneutral und im konkreten Anwendungsfall klären.
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