Fassadenreinigung per Drohne: Ein Gespräch mit Adrono
Sebastian Hosbach · 22. Juli 2026
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Eine Drohne, die vierzehn Meter über dem Boden eine Glasfassade putzt, hat immer noch etwas von Science-Fiction. Dabei ist es längst ein Geschäftsmodell – auch wenn kaum jemand außerhalb der Branche weiß, was dahintersteckt: an Technik, an Genehmigungen, an Vorarbeit. Wir haben mit Patrick von Adrono aus Dortmund gesprochen. Über seinen Weg in die Selbstständigkeit, den zähen Papierkrieg mit den Behörden, darüber, was so eine Drohne wirklich kann – und über die Frage, wann sie sich gegenüber dem klassischen Gerüst überhaupt rechnet.
Vom Vertrieb in die Luft
Vor Adrono war Patrick zehn Jahre lang selbstständig im Vertrieb. Er hatte eine eigene Handelsvertretung und verkaufte Arbeitsschutzwerkzeuge, Maschinen und Betriebseinrichtungen an Industrie- und Wohnungswirtschaftskunden, unter anderem an einen der größten Wohnungskonzerne des Landes. Es lief gut, sehr gut sogar – er zählte zu den umsatzstärksten Vertretern seines Lieferanten.
Dann kam der Bruch von außen. Als der Lieferant die Firma seines Onkels übernahm, wollte man sich anschließend von den Handelsvertretern trennen. Die Verträge wurden gekündigt. „Damit hat man mir natürlich auch die Möglichkeit gegeben, mich nochmal neu zu orientieren", sagt Patrick heute – ohne Bitterkeit, eher wie jemand, der im Rückblick weiß, dass genau dieser Tritt nötig war. Anfang 2025 gründete er Adrono.
Ein Jahr warten auf Papier
Gegründet ist schnell, fliegen darf man deshalb noch lange nicht. Zwischen der Gründung Anfang 2025 und der ersten Betriebsgenehmigung lagen Monate. Und der Hauptantrag für die umfangreichere SORA-Lizenz liegt bis heute beim Luftfahrt-Bundesamt – seit über einem Jahr.
Die beiden Genehmigungsstufen unterscheiden sich deutlich. Die schneller erteilte Variante ist zwar zügiger zu bekommen, dafür zieht sie die Bevölkerungsdichte pauschal im Umkreis von fünf Kilometern in die Bewertung ein. In der Praxis heißt das: In Städten wie Berlin oder Düsseldorf darf Patrick damit gar nicht starten, selbst wenn sein Einsatzort am ruhigen Stadtrand liegt und dort niemand gefährdet wäre.
Genau das hält er für Unfug. „Wenn ich am Randgebiet bin und da keine Gefahr besteht, interessiert mich die Innenstadt im Fünf-Kilometer-Radius nicht", sagt er. „Das ist einfach eine Bemessungsgrundlage." Die eigentliche Hürde sei ohnehin nie der Flugschein gewesen, sondern die Genehmigung dahinter – das dickste Brett auf dem Weg zum ersten Auftrag.
Was der Kunde nie zu sehen bekommt
Bevor eine Drohne überhaupt abhebt, steckt viel Arbeit im Auftrag, die der Kunde später nirgends auf der Rechnung als eigenen Posten sieht. Adrono nimmt jedes Objekt zuerst visuell in Augenschein, über Google Maps und Google Earth. Wie groß ist die Fläche? Was steht drumherum – Bäume, Strommasten, Vordächer? Ist das Gebäude überhaupt befliegbar? Liegt es in einer Flugbegrenzungszone oder einer Einflugschneise? Wie müsste abgesperrt werden? Aus dieser ersten groben Einschätzung entstehen Kalkulation und Angebot.
Kommt es zum Auftrag, geht die eigentliche Planung los. Es werden ein oder zwei Termine plus Ausweichtag festgelegt, abhängig vom Flugwetter. Jeder Flug wird dokumentiert: Sicherheitsabstände, Absperrungen, die Höhe des Gebäudes und der Umgebung, was genau abgesperrt werden muss. Bei innerstädtischen Projekten kommen Ordnungsämter und Polizeibehörden dazu.
„Das hat alles nichts mit dem Kunden zu tun", sagt Patrick. „Das gehört aber natürlich alles zum Angebot dazu." Und je nach Lage sei dieser Verwaltungsaufwand enorm. Bei einer Industrieanlage außerhalb der Stadt sieht die Sache einfach aus. Innerstädtisch dagegen wird es zäh: In Dortmund rechnet er allein vier Wochen, bis ein Antrag durchgewinkt ist – inklusive Abstimmung mit dem Ordnungsamt, ob im fraglichen Zeitraum Veranstaltungen laufen. Dazu kommen feste Zeitfenster, in denen überhaupt gereinigt und geflogen werden darf, und ein separater Verkehrssicherungsdienst für die Absperrung, den Adrono nicht selbst stellt.
Sanft reinigen statt schnell reinigen
Bei den Reinigungsmitteln geht Adrono einen bewussten Weg. Gearbeitet wird mit Osmosewasser und mit biologisch abbaubaren Langzeitreinigern. Auf die hochaggressiven Sofortmittel – etwa gegen Algen und Moos mit Hypochlorit, Wasserstoffperoxid oder Natronlauge – verzichtet Patrick, wo es geht. Solche Mittel wirken zwar sofort, sind aber ein Problem: Man muss sie auffangen, der Aufwand ist groß, und der Sprühnebel gefährdet Menschen und Umwelt, sobald er irgendwo hingelangt, wo er nicht hinsoll.
Der Haken am sanften Ansatz: Der Kunde sieht das Ergebnis nicht am selben Tag. „Der Kunde muss wissen, dass die Fassade nicht sofort, sondern in vier bis sechs Monaten gereinigt wird", erklärt Patrick. Der Langzeitreiniger arbeitet über die Zeit; bei Bedarf wird noch einmal nachgesprüht. Die Reinigungsleistung sei am Ende dieselbe – nur eben nicht auf Knopfdruck.
Wie sensibel das Thema sein kann, zeigt ein Beispiel aus der Nachbarschaft: Am Phoenixsee, keine anderthalb Kilometer vom Flughafen entfernt, kommt für ihn ohnehin nur der Langzeitreiniger infrage. Dort darf schlicht nichts ins Grundwasser gelangen. Ein aggressiver Sofortreiniger wäre technisch machbar, aber an so einem Ort das falsche Werkzeug.
Wie die Technik funktioniert
Adrono fliegt grundsätzlich auf Sicht und manuell. Das ist eine Prämisse, kein Kompromiss. Wer im First-Person-View fliegen will, also nur über das Kamerabild, braucht einen zweiten Piloten, der die Drohne durchgehend im Blick behält, plus eine zusätzliche Sondergenehmigung. „Ich muss ehrlich sagen, dass sich das nicht so gut fliegen lässt, wie wenn du es selbst visuell siehst", sagt Patrick. Erst jenseits von 30 Metern kommt man um FPV nicht mehr herum – und genau da liegt aktuell auch die Grenze: Bis 30 Meter Gebäudehöhe reinigt Adrono, alles darüber ist der nächste Ausbauschritt. „Erstmal alle Gebäude bis 30 Meter reinigen, da haben wir genug zu tun."
Technisch zieht die Drohne das Schlauchsystem beim Aufstieg mit nach oben. Die Misch- und die Osmoseanlage, dazu die Heißwasseraufbereitung und die Reinigungsmittel, sind im Fahrzeug integriert und werden vom Boden aus gesteuert. Der Pilot kann die Hochdruckpumpe zuschalten, einzelne Tanks anwählen, Osmose und Heißwasser regeln. Zwischenlanden muss man dafür nicht.
Beim Auftragen des Reinigers arbeitet Adrono mit Niederdruck, zwischen 10 und 20 bar, über eine Schaum- beziehungsweise Sprühnebeldüse. So bleibt das Mittel auf der Fassade haften, statt in alle Richtungen wegzuspritzen. Für die eigentliche Reinigung stehen bis zu 180 bar zur Verfügung. Aber Druck ist nicht alles – im Gegenteil. „Nur weil du viel bar hast, heißt das nicht, dass du hinterher mehr Reinigungsleistung hast", sagt Patrick. Entscheidend seien Düse sowie Ein- und Austrittswinkel. Bei ungünstiger Einstellung zerstäubt der Strahl zu einem kraftlosen Nebel. Das habe man sich mit der Zeit erarbeiten müssen.
Geflogen wird die Drohne komplett von Hand. Abstandssensoren an der Drohne nehmen die umliegenden Objekte wahr und verhindern, dass man zu nah herankommt – die Steuerung selbst bleibt Aufgabe des Piloten. Und beim Wetter gibt es klare Grenzen: Leichter Nieselregen geht noch, bei stärkerem Regen lässt Patrick es bleiben. Die Drohne kommt durch den eigenen Sprühnebel ohnehin mit Wasser in Kontakt, zusätzlicher Regen beeinträchtigt die Sensoren, und man müsste womöglich zwischenlanden, um sie zu säubern. Dazu ist jeder Regeneinsatz eine zusätzliche Belastung fürs Material.
Welche Objekte passen – und welche nicht
Anfragen für Solaranlagen bekommt Adrono viele. Doch gerade dort ist Vorsicht angebracht: Bei stark verschmutzten Modulen mit hartnäckigen Flechten wird es aufwendig, teils muss erst mit der Bürste oder mit aggressivem Reiniger vorgearbeitet werden, bevor die jährliche Unterhaltsreinigung mit Langzeitschutz greift. „Das ist jetzt nicht so das Einsatzgebiet, wo wir sagen, das ist unser Steckenpferd", räumt Patrick ein.
Das eigentliche Feld ist ein anderes: alles über zehn Meter, wo sonst ein Hubsteiger anrücken müsste, und große, gerade Flächen – Glasfassaden, Metallfassaden, Natursteinfassaden. Solche Flächen lassen sich mit Heißwasser, Osmose und Reiniger effizient bearbeiten. Gefahren wird deutschlandweit, abhängig von der Größe des Projekts.
Und die Grenzen? Die hängen fast immer am Verschmutzungsgrad. Patrick empfiehlt, das im Zweifel an einer kleinen Testfläche auszuprobieren. Es gibt Verschmutzungen, bei denen der Langzeitreiniger nicht ausreicht und man doch zu den aggressiveren Mitteln greifen muss. Das gehört zur ehrlichen Antwort dazu.
Worin sich Adrono nach Patricks Einschätzung von anderen abhebt, ist weniger die Ausrüstung als die Erfahrung. Jedes Objekt sei individuell – Vordächer, an denen man sich sichern muss, eine saubere Schlauchführung, damit sich nichts an Lampen oder Dachpfosten verheddert, dazu der ganze Genehmigungsapparat. „Was uns von anderen Piloten unterscheidet, ist die Sicherheit", sagt er. Über zehn Jahre Erfahrung im Bereich Drohnen, tausende Stunden am Simulator und mit echten Geräten. „Da ist noch ein bisschen mehr dabei als einfach nur einen Schein zu machen und eine 25-Kilo-Drohne fliegen zu lassen."
Drohne gegen Gerüst: die Rechnung
Am greifbarsten wird der Vorteil im direkten Vergleich mit dem Gerüst. Patrick rechnet es an einem Beispiel vor: ein Gebäude mit rund 2.000 Quadratmetern Fassadenfläche, 34 Meter hoch, drei Seiten zu reinigen. Mit Heißwasser und Osmose ist Adrono dafür etwa einen Arbeitstag beschäftigt.
Beim Gerüst sieht die Rechnung ganz anders aus. Allein das Einrüsten dauert zwei bis drei Tage und bindet Personal. Dann wird abgesperrt, das Ganze steht die komplette Zeit im Weg – für angrenzende Gastronomie zum Beispiel eine spürbare Beeinträchtigung. Anschließend sind mehrere Leute noch einmal vier bis fünf Tage mit der eigentlichen Reinigung beschäftigt. Selbst wenn diese Arbeitskräfte im unteren Lohnsegment liegen, summiert sich das. Unterm Strich landet man beim Gerüst schnell bei rund zweieinhalb Tagen plus Rüstzeit, wo die Drohne einen Tag braucht.
Beim Drohnenführerschein selbst winkt Patrick übrigens ab: Die Stufen A1, A2 und A3 macht man ohnehin zusammen, das sei die kleinste Hürde. „Die Scheine sind schnell gemacht, nur die Erfahrung gibt hier keiner." Der schwierige Teil bleibt die Lizenz von der Luftfahrtbehörde – und der Genehmigungsprozess in den Städten.
Kein Allheilmittel
So überzeugend die Zahlen bei großen Fassaden klingen, so klar ist Patrick bei den Erwartungen. Vor drei Jahren, sagt er, wäre der Einstieg noch zu früh gewesen; wer damals startete, leistete echte Pionierarbeit. Und noch heute verstünden viele die Drohne falsch. Sie sei eben kein Allheilmittel.
Das häufigste Missverständnis: Man könne mit der Drohne einfach alles günstiger machen. Die 200-Quadratmeter-Solaranlage auf dem Privathaus, die jemand für 250 Euro mit der Lanze reinigt, unterbietet keine Drohne. „Die Drohne ist nicht die Lösung für alles", sagt Patrick, „sondern ein nettes Tool für die Unternehmen, die sich weiterentwickeln wollen, die große Objekte effizient und nachhaltig reinigen wollen." Bei solchen Projekten lasse sich über die höhere Effizienz sogar am Preis noch etwas machen. Aber es brauche weiter die Erfahrung zu entscheiden, welches Objekt überhaupt infrage kommt – und welches nicht. Manche Anfrage, sagt er mit einem Schmunzeln, lande beim Wintergarten. Da gebe es dann nicht viel abzufliegen.
Partner und Wirtschaftlichkeit
Akquise und Vertrieb macht Adrono selbst. Für die klassische Innenreinigung arbeitet das Unternehmen mit einem Dortmunder Partner zusammen und ist damit nach Patricks Einschätzung gut aufgestellt. Die eigene Spezialisierung aber bleibt die Drohnenreinigung. „Damit hat man genug zu tun. Das kann man sich auch nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln." Die klassische Gebäudereinigung sei nicht das, was er in seinem Leben machen wollte – „ich sage niemals nie, aber meine Vision ist tatsächlich ein bisschen anders."
Ob sich der Drohneneinsatz gegenüber der klassischen Reinigung lohnt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Als Orientierung nennt Patrick Glasflächen im Bereich der üblichen Tagespauschalen von 3.000 bis 5.000 Euro, bei denen Wettbewerber mit dem Hubsteiger anrücken. Je nach Verschmutzungsgrad sind dort bis zu 40 Prozent Ersparnis möglich. Bei einer glatten Fassade ohne Hindernisse, die sich einfach von links nach rechts abfliegen lässt, geht es sogar rund 60 Prozent schneller als mit dem Hubsteiger. Sobald aber Pfosten oder Vorsprünge im Weg sind, um die herumgeflogen werden muss, wird die Rechnung wieder individuell. „Aber das ist leider zu individuell", sagt er – pauschale Versprechen macht er bewusst nicht.
Blick nach vorn
Wo steht die Technik in drei bis fünf Jahren? Patrick erwartet mehr Reinigungsunternehmen am Markt – und zugleich viele, die wieder aussteigen, weil der Einstieg schwerer ist, als er von außen aussieht. Der Markt werde weiter erschlossen, und diejenigen, die sich behaupten, werden ihn in ihrem Bereich prägen: sich spezialisieren und mit der Zeit auch immer höhere Gebäude reinigen. Das, sagt er, werde der Weg sein.
Adrono will bei dieser Entwicklung nicht zusehen, sondern sie mitgestalten – ausprobieren, was in Deutschland technisch und rechtlich möglich ist, und das Feld mit aufbauen. Nach dem Gespräch bleibt der Eindruck von jemandem, der die Euphorie um seine eigene Technik erstaunlich nüchtern betrachtet. Vielleicht ist genau das der Grund, warum man ihm die Sache abnimmt.
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